| Harald
Harald sperrte mit dem rot gekennzeichneten Schlüssel, der seit genau 5 Jahren neben dem fliegenden Superbatman an seinem Schlüsselbund hing, die Wohnungstüre auf. Die letzten 2 Schulstunden waren wieder einmal ätzend öde gewesen - zum x-ten Mal Dreisatz, weil die Hälfte der Klasse anderes im Kopf hatte. Die Wohnungstür, wie immer durch einen Tritt mit dem linken Fuß beschleunigt, fiel ins Schloß Es war kurz nach 12 Uhr mittags. Karin, so nannte er seine Mutter wenn er sich souverän und erwachsen fühlte, würde erst am späten Abend von ihrer Arbeit im Krankenhaus zurückkommen. Hausaufgaben gab es heute am Freitag einmal ausnahmsweise keine, also würde man eben sehen müssen, was der nachmittag so brachte. .Lisa, der Kanarienvogel versuchte einen heftigen Piepser, aber Harald fand sie nach einem kurzen Blick immer noch ziemlich apathisch. Der Tierarzt hatte letzte Woche gesagt, sie habe einen Mangel an irgendetwas und Tropfen verschrieben, die in ihr Trinkwasser sollten. Natürlich trank sie es nicht wenn die Tropfen drin waren. Harald zog seine Jacke aus und hängte sie an den wackeligen linken Haken im Flur, der etwas Tageslicht abbekam durch die beiden grünlichen Glasscheiben, die im Holzkreuz oberhalb des kleinen runden Messingknaufs befestigt waren. Außerdem war in der Mitte dieses Holzkreuzes noch ein völlig überflüssiger preißelbeergroßer Spion, der alle Menschen wie Haralds Lieblingsalien Cora aus "Die Mörderbestie von Centauri 10" aussehen ließ. Karin mochte es nicht so gerne, wenn er sich diese SF-Videos ansah, fand sie aber immer noch besser, wie die, die er sich manchmal von Lucky auslieh. Sie trugen so umwerfende Titel wie "Die Bestie mit dem Hackstock" oder "Die blutige Wiederkehr der Voodopriester". Darüber konnte sie sich furchtbar aufregen, was er überhaupt nicht verstand, weil er und Lucky die Trickaufnahmen zum Brüllen komisch fanden. Lucky war ihr überhaupt ein Dorn im Auge und sie fragte ihn oft mit allen für sehr Harald durchsichtigen mütterlich erzieherischen Frageumwegmanövern über Lucky aus. Harald gab dann immersehr freundlich und geduldig Auskunft, mit einer speziell für diese Zwecke reservierten, leicht erstaunten Unschuldsmiene, von der er wußte, daß sie beruhigend auf seine Mutter wirkte. Alle glaubten, daß Lucky ein komisches Kind war. Harald fand ihn nicht komisch, vielleicht etwas dicklich und weltfremd, so als ob die einfachsten Dinge und Ereignisse wie von einem anderen Planeten stammten. Luckies Eltern wohnten unten am See, in einem ziemlich langweiligen Haus, das ein wenig aussah wie zwei umgestülpte Schuhkartons mit einer Mauer drumherum. Der See war kein richtiger "alter See", sonder eine 950 Hektar große überflutete Ebene mit einem Staubecken, die früher früher von einem gewundenen, mit vielen Hecken und Sumpfgebieten umgebenen kleinen Flüßchen durchschlängelt wurde. Harald konnte sich noch gut daran erinnern, wie es vorher dort aussah, weil es kurz nach dem scheußlichen Wochenende war, als sein Vater auszog. Sie hatten eine Fahrradtour zu dem kleinen unbewohnten Wasserschloß gemacht und Karin, die beim Bund Naturschutz engagiert war regte sich über die, wie sie es nannte Gigantomanie der Leute auf und wollte mit einer Bürgerinitiative das Projekt stoppen. Harald stellte sich damals vor, daß es solche Leute waren, wie in diesem japanischen Horrorfilm " Der Zweikampf der Giganten", wo zwei riesige affenkrokodilsartige Monsterwesen die Menschen einer ganzen Stadt zertrampelten und zertraten. Heute fand Harald das natürlich lächerlich, aber er hatte bei diesem Ausflug wirklich Angst, daß es seiner Mutter so gehen würde wie der Heldin in der Geschichte. Er dachte überhaupt sehr ungern an diesen Ausflug, weil der Streit zwischen seiner Mutter und Wolf nicht laut und hitzig war, wie sonst häufig, sondern sich anfühlte wie eine schlimme Erkältung, die Kopfschmerzen macht und eine Gänsehaut nach der anderen den Rücken hinunter jagt. Lucky schob diese unerfreulichen Gedanken weg und widmete sich der Alarmanlage, die Luckies Eltern hatten und die wenn sie ausgeschaltet war auf die merkwürdigsten Dinge reagierte. Es wurde nämlich häufig vergessen sie anzuschalten und Luckies Vater stritt dann mit Beate, dem "Mädchen", so nannte er sie, ob sie eigentlich Leib und Leben aller Hausbewohner so gering schätze, daß sie es für unnötig hielte, diesen kleinen Knopf zu drücken, bewor sie Feierabend macht. Beate wurde bei diesen Verhören jedesmal störrisch wie Hartgummi, starrte auf den Boden und hielt ihrem Brotgeber die Ungerechtigkeit und Ausbeutung entgegen, die in ihrer Gegenüberstellung zwar schweigend geschah, aber nichtsdestoweniger deutlich gegen Luckies Vater antobte. Wenn Beate dann schweigend das Wohnzimmer verließ um in ihr Appartement zu gehen, das am anderen Ende der Schuhschachtel lag und einen separaten Eingang besaß, hatte die Familie oft die Vision einer gebückten, rückwärtsgehenden Gestalt in elenden Lumpen, die in einem Verschlag unter der Treppe hausen musste und die Abfälle der Herrschaft aus Töpfen und Tiegeln kratzte. Für Harald war Beate so unverständlich, wie sie für Lucky das Objekt einer beständigen, gründlichen Wut war. Lucky war im Jiu-Jitsukurs , ging allerdings nur manchmal hin, wenn er gerade nichts besseres vorhatte. Aber gerade das hielt ihn nicht davon ab, sämtliche Kampfschreie, Handkantenschläge und rechtwinkelig verwirbelten Beinstöße vor Beates stoischer Miene auszuprobieren. Lisa krächzte gerade wieder und Harald stieg auf den alten wackligen Küchenstuhl um Vogelsand und Futter aus dem oberen Regal zu holen. Er streckte gerade die linke Hand nach dem Sand aus, als das eine Stuhlbein mit einem trockenem Knirschen nach hinten wegbrach. Die Kante der Spüle kam rücklings auf Harald zu und er konnte gerade noch "verdammter Mist" denken, bis er einen schmerzhaften Schlag am Hinterkopf spürte und sich benommen am Küchenfußboden wiederfand. Offenbar hatte er sich in einer reflexartigen Bewegung noch am Vogelsand festgehalten, weil er zwischen den Trümmern des Küchenstuhls sitzend über und über mit einer feinen schicht Vogelsand bedeckt war. Langsam richtete er sich auf, er fühlte sich etwas schwerelos. Eine Gehirnerschütterung kann es nicht sein, dachte er, Karin hatte gesagt da würde man ohnmächtig. Sein Ohren brummten zwar etwas, aber sonst fühlte er sich ganz gut. Er überlegte kurz, was er eigentlich tun wollte und ihm fiel ein, daß er ja mit Lucky verabredet war. Er stand auf, ging durch den Flur indem es plötzlich verbrannt und modrig roch, nahm seine Jacke vom Haken und schloß leise hinter sich die Flurtüre. Wie immer warf er einen routinemäßigen Blick die Bodentreppe hoch, weniger aus Angst, denn aus Gewohnheit und sauste die honigfarben gewachste Holztreppe hinunter. Drei, vier, fünf oder waren es sogar sechs oder noch mehr Stufen aufeinmal. Etwas wunderte er sich darüber, daß er soviel Stufen aufeinmal nehmen konnte, aber das machte wohl die jahrelange Übung. Plötzlich stutzte er - war da nicht die Bodentür einen Spalt weit aufgegangen? Quatsch, das war bloß der durch den Gummibaum grünliche Lichteinfall vom Flurfenster. Harald nahm sein BTX-Rad, das im Hausflur stand, fuhr wie immer in den Pedalen stehend die Einfahrt hinunter und bog rechts um den Häuserblock in Richtung Kanal. Er würde etwa fünfzehn Minuten brauchen rechnete er, wenn er die Abkürzung über den Rochusfriedhof nahm. Das Geräusch in seinen Ohren war mittlerweile in ein feines, helles Klingeln übergegangen und der Lenker in seinen Händen fühlte sich heute an wie die Bambusstäbe, mit denen seine Mutter die Topfpflanzen hochband. Der Freitagnachmittagsverkehr war nicht so heftig wie sonst, es hatten nur, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war, alle Autos bereits Licht an und die Asphaltdecken der Straßen spiegelten schwarzgrau, als ob es gerade geregnet hätte. Harald fuhr den Amulettweg, den er so nannte wegen der Häuser, die rechts und links um die Jahrhundertwende gebaut worden waren, mit den seltsamsten Verzierungen aus Stein an den Vorderfronten. Schmutziggraue Fruhlingsgöttinnen mit Blumenkränzen in den Haaren, merkwürdige Tiermenschenwesen mit Hörnern und abgebrochenen Nasen, Stierköpfe mit kugelrunden glotzenden Augen und Mitteldinger zwischen Meerkatzen und Kindergestalten, deren dünne Schwänze lang über die Simse zwischen den Fenstern nach unten fielen. Harald bemerkte besonders eine Gestalt, die er bisher noch nie gesehen hatte. Sie stand in einer gemauerten Nische wie in einem Torbogen, am Dachfirst eines Hauses über einer der Meerkatzen und war nur von hinten zu sehen. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, weil er erst glaubte es wäre eine Täuschung - aber sie blieb. Von hinten. Eine massige Figur, in einer Art bodenlangem Regenmantel, mit einer geschweiften Haube auf dem Kopf und das auffälligste war, daß sie offensichtlich erst vor kurzem restauriert worden war. Sie glänzte in verschiedenen Grüntönen, die durch das Silber der Haube kühl und verschlossen wirkten. Harald nahm sich vor am Rückweg die ganze Sache nocheinmal genauer zu inspizieren, oder noch besser morgen, bei Tageslicht. Vielleicht konnte man ja auch am Dachboden des Hauses mal nachsehen, ob das Ding auch ein Vorne hatte. Mittlerweile war er unter der alten Kanalbrücke angelangt, von der aus es nur noch ein paar Meter bis zu den Schukartons war. Er lehnte sein Fahrrad an die Mauer und läutete. Beate öffnete ihm mit einem verstörten Gesicht die Tür:"Lucky ist weg Harald, Herr und Frau Unterweger waren schon bei der Polizei. Er muß gestern abend aus seinem Fenster gestiegen sein, jemand von den Nachbarn hat ihn mit einer dicken älteren Frau im Regenmantel gesehen." Lucky hatte einen kurzen Moment das Gefühl als habe er die Situation schon einmal erlebt und wunderte sich, daß er eigentlich die ganze Zeit gedacht hatte, daß es nicht leicht sein würde Lucky wiederzufinden. Beate schloß die Tür hinter ihm und er sah Herrn Unterweger in der "Wohnhalle", wie Luckies Mutter sie nannte auf und abgehen. "Ich kann es einfach nicht glauben, daß Lucky dazu in der Lage ist" sagte er gerade zu sich selber und sah ungläubig den Kopf schüttelnd zu Beate, die mit einem verdrehten Blick nach oben andeutete, daß sie genau das einmal erwartet habe. Herr Unterweger war durch diese Sache uas seinen gewohnten Bahnen geworfen und schwankte zwischen Sorge, Unverständnis und Ärger über die Ablenkung von seiner Arbeit. Seine Familie war für ihn vorhanden wie die Fische in seinem großen Aquarium, sie war da, mit allerhand Dingen angereichert, die ihn in der Regel nicht belästigten und durch eine große, von Beate saubergeputzte Glasscheibe von ihm getrennt. An sich eine beruhigende Sache, solange sie keinen größeren Umstand machte wie jetzt gerade und die beunruhigenden Dinge, zum Beispiel gestorbene Fische entfernt wurden bevor er es merkte. Harald fühlte sich völlig fehl am Platz und stahl sich leise wieder zur Haustür hinaus, bevor ihn Herr Unterweger bemerkte. Das feine Klingeln in seinem Kopf klang jetzt wie das Zirpen von mindestens zehn Grillen und er hatte das Gefühl, sein linker Fuß ist größer als der andere. Er sah auf seine Beine hinunter und mit einem Schwindelgefühl im Kopf und einem heftigen Magenkrampf stellte er fest, daß an seinem linken Bein nicht sein Schuh, sondern einer von Luckies Füßen in seinen braunen Sandalen saß. Er schlich an der Mauer entlang, den fremden Fuß vorsichtig aufsetzend und fuhr nur mit seinem eigenen Bein tretend zu dem alten baufälligen Bootshaus, wo früher Ruderboote verliehen wurden. Irgendwie gab das Bein mit dem fremden Fuß die Richtung an und er wußte, daß er an ihrem alten Freundschaftsplatz Lucky finden würde. Wahrscheinlich mit meinem Fuß an seinem Bein dachte er, als er die schief in den Angeln hängende Tür aufdrückte und ihm der modrige Geruch von stehendem Wasser und altem verfaulten Holz entgegenschlug. Die Hütte stand nach vorne, dem Wasser zu auf Pfählen und hatte auf der dem Land zugewandten Seite einen kleinen feuchten Kellerraum, den er und Lucky einige Male benutzt hatten um Feuer zu machen. Die Spielregel war, besonders in der Dämmerung oder Dunkelheit schweigend auszuharren, bis einer ganz beiläufig sagte er müsse jetzt wegen irgendwas nach Hause. Der hatte dann verloren. Harald ging die mit Flechtmoosen bedeckte schmale glitschige Treppe hinunter zu dem Kellerraum und hörte jetzt ein immer lauter werdendes Brummen, das mit jeder Stufe unerträglicher wurde. Auf der letzten Stufe angekommen, war es so laut, daß er sich die Ohren mit den Fingern verstopfte und seine Knie zu zittern anfingen. Die Tür zum Kellerraum stand offen, dicke Rauchwolken drangen heraus in großen Schwaden. Luckies Fuß war immer einen Schritt voraus, schleppte Harald hinterher. In der Mitte des Raumes brannte ien Riesenholzstoß, der alle paar Sekunden, wenn ein Scheit krachend umfiel eine Funkenwolke nach oben entließ. Harald sah neben dem Holzstoß, erst undeutlich, dann immer klarer, die massige grüne Gestalt mit der silbernen Haube stehen. Sie drehte sich langsam um, ließ den Regenmantel von den unförmigen Schultern gleiten und Harald sah ihre Gestalt. Es war Cora. Cora das Alien von Centauri 10 und aus ihrem Maul mit den hundert spitzen fauligen Haifischzähnen hing Luckies anderes Bein. Cora rollte ihre sieben roten Augen und schob langsam und hämisch grinsend Luckies Bein weiter in ihr Maul, während sie auf Harald zukam und auf sein linkes Bein mit Luckies Fuß starrte. Er roch schon ihre Körperausdünstungen aus Schwefel und Salmiak -kurz bevor ihre Klauen sein Bein berührten, sah Harald den schmutzigen Boden, der aussah wie mit Vogelsand bestreut auf sich zukommen. "Harald, Harald komm wach auf". Irgendwer klopfte ihm sanft auf beide Wangen, schüttelte ihn leicht, aber er wollte nicht - es lag doch sowieso bloß das Martyrium des Lebendiggefressenwerdens vor ihm und das konnte er genausogut bewußtlos über sich ergehen lassen. Jemand zog sein linkes Augenlid in die Höhe und er dachte, jetzt wird sie mir wohl erst die Augäpfel entnehmen. Augäpfel sind ihre Lieblingsspeise. Plötzlich sah er das Gesicht seiner Mutter. "Nein, bloß das nicht, sie hat sich verwandelt, versucht mich zu überlisten " meinte die Stimme in seinem Kopf. Er versuchte mit aller Kraft das Augenlid wieder zu schließen und hörte plötzlich Luckies Stimme. "Harald wach auf - du bist vom Stuhl gefallen und Lisa hat fürchterlich geschrien . Ich habe bei Euch geklingelt und du hast nicht aufgemacht, da habe ich deine Mutter angerufen und mein Vater ist auch da und - Harald wach doch bitte auf!" Harald öffnete jetzt langsam und vorsichtig die Augen, immer gewärtig, daß Cora ihm einen Streich spielen wollte und sah jetzt tatsächlich das besorgte Gesicht seiner Mutter, Herrn Unterweger und Luckies ängstliches rundes Kinn. "Gottseidank, er ist wieder da", sagte Herr Unterweger und Karin legte ihm vorsichtig einen Arm um die Schultern, damit er sich etwas aufrichten konnte. " Mein Gott, bin ich froh, daß dir nichts schlimmeres passiert ist" sagte sie "der verdammte alte Küchenstuhl hätte schon längst auf den Sperrmüll gehört. Sieht nach einer Gehirnerschütterung aus. Die wirst wohl einige Zeit im Bett bleiben müssen." Harald mit einem plotzlichen Schreck setzte sich etwas mehr auf, das Brummen in seinem Kopf war dabei ziemlich heftig und sah zu seinen Füßen. "Was ist mit meinem Fuß?", fragte er. Karin sah ihn prüfend an: "Wieso, tut er weh?" "Nein, ich meine ob er ganz normal aussieht - wie immer?" Karin schaute Herrn Unterweger an: " Sowas passiert häufig bei Gehirnerschütterungen. Natürlich ist er normal, er sieht aus wie immer Harald!". Lucky hatte sich mittlerweile neben Harald in den Vogelsand gelegt und flüsterte ihm ins Ohr: " Wenn du jetzt ganz lange Zeit im Bett liegen mußt, können wir uns ja meine neuesten Videos bei dir anschauen." Harald fasste schnell an Luckies linken Fuß . Es war der Richtige, der mit der braunen Sandale und dazupassend der rechte Fuß, ebenfalls mit brauner Sandale. Er seufzte tief - es war alles wieder in Ordnung. Lille
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Wenn ich freihabe, gehe ich manchmal in die Innenstadt zu einem Cafe direkt am Dürerbrunnen. Bäckereikette, Selbstbedienung, gut weil ich mich nicht mit jemand befassen muß, der mich bedienen soll. War mir schon immer unangenehm. Der Brunnen ist schrecklich. Die vier Lebensalter. Nackte Figuren, Realismus, ohne jeden Geist und ohne Charme. Trotzdem gehe ich gerne in das Cafe. Man kann dort außen sitzen, wird nicht gestört. Besonders gern gehe ich Sonntagmorgens dort hin. An einem dieser Sonntagmorgen traf ich Gustaf. Er kam auf mich zu, dürr, die weiße Hose mit einem schmalen Gürtel zusammengebündelt, einen farblosen Pullover hineingestopft. Der Kopf rasiert mit nachwachsenden grauweißen Stoppeln, das Haupt eines Seeadlers mit wunderschönen warmen braunen Augen. Er streckte mir die Hand entgegen auf deren Fingerspitzen ein Groschen lag " Haben Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich?" Ich sah ihn an, er zögerte und sagte "Ich kauf´mir auch wirklich etwas zu Essen dafür". Mir fiel plötzlich ein, daß ich Gustaf schon mal begegnet war, und zu ihm gesagt hatte, "...aber kaufen Sie sich etwas zu Essen dafür". Hinterher schämte ich mich über meine unpassend pädagogische und besserwisserische Bemerkung und dachte, daß ich mich, sollte ich ihm wiederbegegnen, entschuldigen will. Wobei das schon wieder eine dumme Geste ist, wahrscheinlich. Das ging mir durch den Kopf, als er mir die Hand hinstreckte. Ich schaffte es nicht selbstverständliche Worte zu finden, die ihm einfach nur wissen lassen, daß ich es ihm gerne gebe und daß ich es respektvoll meine. Ohne falsche Demut und ohne diese komische altlinke Bewunderung, bei gleichzeitiger Schulmeisterei, für das Leben daß er führt. Schwere Sache das. Also lächelte ich, weil ich nichts Besseres wußte, legte ihm 5 Mark hinter die Groschen auf den Fingerspitzen. Er sagte "Danke" und schloß die Hand zur Faust. Wir standen beide noch einen kurzen Moment da, so als ob wir noch etwas miteinander zu erledigen hätten - etwas angespannt und unschlüssig. Dann löste sich das Band und jeder ging seiner Wege. Ich traf Gustaf von da ab irgendwie öfter. In der Innenstadt, es war so als ob sich die Wege die wir gingen Schnittpunkte ausdachten, Kreuzungen veranlaßten, an denen wir uns begegneten. Ich gab ihm jedesmal 5 Mark. Nach langem Überlegen, ich wollte ihm nicht zu nahe treten, dachte mir, daß es für ihn so wahrscheinlich richtig war, lud ich ihn an einem Sonntagmorgen zu einem Kaffee ein. Meine Neugier siegte über die Bedenken ihn vielleicht zu kränken oder zu verletzen. Schließlich ist allzu große Vorsicht auch ein Zeichen von einer positiv diskriminierenden Sichtweise - dachte ich. Ich gab ihm vorher die 5 Mark , weil ich nicht wollte, daß er sich gezwungen fühlte mit mir Zeit verbringen zu müssen um dann - vielleicht oder auch vielleicht nicht - die 5 Mark zu kriegen. Er setze sich und ich holte uns Kaffee. Die Leute drumherum sprachen kurzzeitig nicht mehr weiter und beobachteten, was ich mit ihm wollte. "Spinnt die", sagte eine Frau im pinkfarbenem T-Shirt zu ihrer Tochter. Gustaf saß auf der Stuhlkante und ich fragte ihn, ob er Lust hätte mir zu erzählen, wie er lebt und was er gemacht hat. "Warum willste das wissen?" "Weil mich Menschen interessieren" " Warum für mich? Gibt nichts Interessantes bei mir" "Ich finde dich irgendwie sympathisch" "Ne also das ist mir auch noch nicht passiert". Gustaf war in seinem früheren Leben Schausteller gewesen. Hatte ein eigenes Fahrgeschäft gehabt. Er hat gut gelebt sagt er und seine Arbeit hat ihm Spaß gemacht. So an einem Ort leben hätte ihm nie gefallen. Sein Vater war Pfarrer. Er lachte und sagte "Wissen Sie, sein Wunschsohn war ich nicht, in der Schule eine Niete, keinen richtigen Schulabschluß und mich dann mit 17 auch noch in Nina verliebt. Ein Mädchen, das beim Volksfest immer mitkam. Ihr Vater hatte eine Hendelbraterei und sie war eine richtige Prinzessin. Du glaubst garnicht, wie schwer es war als Seßhafter an diese Leute ran zu kommen. Die haben ihre Kinder sehr streng erzogen und gingen jeden Sonntag in die Kirche. Dass mein Vater Pfarrer war, hat ihnen imponiert." Er schaute mich an. " Nina ist vor 10 Jahren gestorben. Sie war die Seele von meinem Geschäft. Wir hatten erst einen Autoscooter und dann ein Hippodrom mit Pferden. Ich habe Tiere schon immer gemocht. Nina saß an der Kasse und als unserer beiden Töchter größer wurden, haben sie auch geholfen. Nina hatte rote Haare und grüne Augen wie unsere Töchter auch und ich kann dir sagen, wir waren 25 Jahre verheiratet und ich konnte es keinen Tag ohne sie aushalten. Wenn sie mal wegfuhr, sie musste manchmal weg vom Rummel - unter normale Leute sagte sie - dann war ich richtig krank. Mir hat das Essen nicht mehr geschmeckt, ich hab´ geraucht wie ein Schlot und konnte nicht schlafen, so elend gings mir da. Wenn sie wiederkam war es als ob die Sonne aufgeht und ich war ehrlich selig. Ich hab´ dann für sie gekocht und hab´ alles ganz schön gemacht, damit sie sich auch freut. Und ehrlich, ob du´s glaubst oder nicht, wir haben uns die ganzen Jahre nie gestritten. Mir war´s einfach zu schön und wir haben so aufeinander aufgepasst, dass eigentlich jeder immer wußte, was der andere denkt oder will. Und zusammengepasst hat´s irgendwie auch. Und wenn nicht hat einer nachgegeben, dem Anderen zu liebe." Er kramt in seinem Beutel und zeigt mir ein Bild von Nina, das in einer Plastikfolie verschweißt ist. Eine fröhlich lachende Frau mit roten Haaren und grünen Augen in einem Häuschen vor einem Autoscooter. Ich gab ihm das Bild zurück und er steckt es wieder in die Tasche. Nina war 35 Jahre alt, als sie krank wurde. Sie starb 5 Jahre lang und als sie begraben wurde, wurde Gustaf mitbegraben. Er war 5 Tage verschwunden und als er wieder auftauchte, hatte er sich die Haare abrasiert, phantasierte und war ein anderer. Er sprach mit Nina, saß in ihrem Wohnwagen und schrie und weinte nachts so laut, dass mehrmals die Polizei kam. Er war immer wieder in Gefahr in die Realität zu fallen und konnte sich dann manchmal nicht mehr retten vor der grausamen Gewißheit, daß sie nie wieder kommen würde. Sein Fahrgeschäft konnte er nicht mehr weiter machen und seine beiden Töchter 19 und 20 Jahre alt wohnten bei den Großeltern. Alle gaben sich sehr viel Mühe mit ihm. Nachdem er dreimal bei einem Fall in die Gewißheit versucht hatte sich umzubringen und am nächsten Tag nackt und weinend über den Volksfestplatz lief, wurde er in die Psychiatrie gebracht. "Gut waren die da zu mir ," sagte er " sie haben mit erst Tabletten gegeben und nach 3 Jahren, als sie gemerkt haben, daß ich wieder normal werde, haben sie mich einfach noch so behalten. Ich hab´ da im Garten gearbeitet und alle waren nett und ich hab´ sie gemocht." Er sah mich wieder an. " Ich bin bloß so dünn geworden, wiege bloß so um die 40 Kilogramm obwohl ich ehrlich esse und die Leute von der Heilsarmee mir immer extra groß Portionen geben wird es einfach nicht mehr. Früher hatte ich echt Muskeln und war stark. Konnte Nina auf den Armen tragen und den anderen beim Aufbauen helfen. Wahrscheinlich von den Tabletten - Farben kann ich auch nicht mehr so gut vertragen. Mir wird da immer schlecht, wenn ich irgendwas Farbiges zu lange anschaue. Manchmal gehe ich noch auf den Rummel, und schaue ob da Leute sind, die ich kenne. Die freuen sich immer wenn sie mich sehen. Meine Töchter sind verheiratet und wollen gerne, daß ich bei ihnen wohne." Er schaut mich an "Aber verstehst du, das kann ich nicht. Dann würde ich Nina verraten. Sie ist tot und kann mir doch nicht ein bequemes Leben machen, oder? Ich kann sie doch nicht im Stich lassen. Muß sie doch suchen. Vielleicht wartet sie ja irgendwo auf mich und ich kann doch nicht einfach da irgendwo sitzen und nichts tun, oder? Ich werd´sie finden, das weiß ich. Eines Tages werd´ ich sie finden. Sie wartet auf mich und ich muß sie nur finden." Gustaf ist sehr unruhig geworden, steht auf , sagt daß er jetzt gehen muß und vielen Dank für den Kaffee. Mit großen Schritten geht er an dem Brunnen vorbei und verschwindet in der U-Bahn. Wenn er mal wieder Zeit hat, würde ich gerne einen Kaffee mit ihm trinken. Lille
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Hans
Hans war Techniker. Er ist ein großer schwerer Mann. Weiße mittellange Haare mit einem Mittelscheitel. Trägt Jeans, ein dunkelblaues Sakko, ein hellblaues Hemd und Schlappen ohne Strümpfe. Hans ist 54 und lehnt - das Gesicht den Vorübergehenden abgewandt - am Visitenkartenautomaten in der U-Bahnpassage. Er hatte selbst mal Visiten karten, eine kleine Firma, die gut lief. Er hatte eine Familie, Frau, 2 Kinder, die er sehr mochte, für die er gerne arbeitete. Kein übermäßiger Luxus, solides Einfamilienhaus, Kinder Gymnasium. Es passierte eigentlich nichts Schlimmes. Schleichend verwandelte sich das haben in hatte. Etwas weniger Aufträge, etwas höhere Steuern, etwas höhere Abgaben. Die Familie von Hans Familie schränkte sich ein. Kein Urlaub mehr, für die Mädchen etwas weniger Spielsachen und Bücher, etwas weniger Einladungen für Freunde. Schleichend. Keine frischen Blumen mehr, an Weihnachten für die 10 Mitarbeiter nur noch einen Händedruck statt einem Geschenk. Und die Angst wuchs. Aber es gab eine Decke von Optimismus - schließlich machen wir ja genau das, was die Regierung fordert. Familie gründen, Geschäft eröffnen, zwar knapp aber solide kalkuliert, gebaut, 15 Stunden Arbeit am Tag. Es kann uns nichts passieren. Es ist auch eigentlich nichts passiert. Es wurde nur immer etwas mehr, was an Geld hinausging und immer etwas weniger, was hereinkam. Die Bank, auch solide und bodenständig, meinte Hans solle doch expandieren. Er sei ein Crack in seinem Beruf, sie würden das auch unterstützen. Auf die Dauer könne er mit seinen Qualifikationen - Hans bildete sich jedes Jahr weiter, um in seinem Beruf auf dem neuesten Stand zu sein - nur expandieren. Neu Meß-und Prüfgeräte, neue Technologien, einen zweiten Standort, Werbung. Er redete mit seiner Familie, mit seinen Mitarbeitern. Fragt sie, was sie davon halten. Sie finden es gut. Hans ist mit Gelddingen bedächtig. Er fragt, was passiert, wenn trotzdem keine neuen Aufträge kämen. Es gibt ja schließlich weit größere Firmen, mit denen er konkurrieren muß. Es heißt, man müsse etwas wagen, an den Erfolg glauben, Mut haben, so kleine Betriebe seien auf die Dauer nicht rentabel. Überschüsse zu erwirtschaften und zu investieren, sei heute nicht mehr üblich, dass koste zuviele Steuern. Wenn überhaupt Überschüsse da sind, lege man die anders an. Und er sei doch ein versierter Spezialist, mit seinem Können und Arbeitseinsatz sei das alles gut zu schaffen.. Hans überlegt wieder. Er ist kein Feigling, denkt er und wenn man nur genug arbeitet, kann schließlich nichts schiefgehen. Hans arbeitet gerne, er liebt seinen Beruf, kann gut mit Kunden umgehen, hat eine Familie die ihn unterstützt. Seine Frau wird weiter die Buchhaltung machen und sich um die Werbung kümmern. Sie arbeitet auch gerne, hat große Lust auf eine Erweiterung. Hans hatte zudem schon lange mit den neuen Meß-und Prüfgeräten geliebäugelt, weil sie technisch wirklich besser sind und auch ökologische Hinweise geben, genauer sind. Er tut es. Lässt sich beraten, wie er was machen soll. Er investiert. Hat keine schlechten Berater. Die Standorte sind gut, die neuen Geräte sind da. 5 neue Mitarbeiter sind auch da. Die neuen Prüfverfahren sind optimal und liefern den Kunden eine Menge Werte, die sie verwenden können. Das erste halbe Jahr läuft sehr gut. Es können einige neue Kunden gewonnen werden. Hans arbeitet zu reelen, vernünftigen Preisen, liefert gute Arbeit zu einem fairen Preis. Hat hochmotivierte Mitarbeiter, für ihn mögen und fachlich schätzen. Im zweiten Halbjahr entsteht eine Flaute. Es gibt ein Loch im Finanzplan. Er spricht mit seinen Beratern. Das sei normal, neue Wege der Kundenwerbung gehen, Internet, inserieren, Events veranstalten. Man muß zeitgemäß auf die Leute zugehen, Kunden wollen umworben werden, schließlich gäbe es in seinem Bereich auch weltweit operierende große Firmen. Hans tut was ihm geraten wird, er findet es eine gute Idee. Da s Loch wird allerdings größer, weil all diese Dinge viel Geld kosten. Er schläft in letzter zeit nicht mehr so gut, ist aber einer von denen, die das was sie anfangen auch ordentlich weiterführen. Es kommen tatsächlich ein paar neue Kunden, aber das Loch bleibt. Die Zinsen werden höher, die Abgaben steigen, die Steuern steigen. Hans spricht viel mit seiner Frau, die ihm immer wieder Mut macht. Das zweite Jahr ist durchwachsen. Das dritte auch. Eigentlich ist es wie vor der Expansion denkt Hans manchmal, nur daß die Schulden höher sind. Anfang des 4. Jahres geht einer seiner wichtigen Kunden ins Ausland. Er schätzt Hans sehr und bietet ihm an mitzugehen. Seine Berater sagen, dass seine Stärke das regionale Angebot sei. Wichtig ist der Kundenkontakt in Ihrem Fall heißt es. Überregional können Sie nicht mithalten, da gibt es die großen multinationalen Firmen. Aber Sie müssen sich auf die regionalen Kunden spezialisieren. Bieten Sie kleine Events an, bilden Sie sich weiter, bieten Sie kleine regionale Besonderheiten an. T-Shirts mit Aufdruck und solche Dinge. Sie müssen einfach am Ball bleiben. Hans denkt, dass er die Verhältnisse außerhalb des Landes nicht kennt und schwer einschätzen kann und lehnt das Angebot seines Kunden ab. Dieser bietet ihm an, mit ihm in Kontakt zu bleiben, wenn er es sich anders überlegen sollte. Hans pflegt seine Kunden, besorgt kleine Werbegeschenke, lässt T-Shirts bedrucken, inseriert. Irgendwie kommen die Kunden sehr gerne zu ihm, er ist freundlich, versiert, immer auf dem neuesten Stand, alle mögen ihn. Er liefert sehr gute Leistungen, das Betriebsklima ist prima, sein Preise fair. Es wurden nur nicht mehr Kunden. Ende des 5. Jahre reichte der Gewinn nur noch um die laufenden Kosten zu decken. Die Familie hatte nichts mehr zum Leben. Hans schlief fast garnicht mehr. Er pflegte seine Kunden, bildete sich weiter, arbeitete 15-20 Stunden täglich. Seine Frau wurde immer stiller, seine Töchter immer bedrückter. Hans grübelte. In den vielen schlaflosen Stunden und Nächten grübelte er, was er anders machen könnte, was er falsch gemacht hat. "Leistung muss sich wieder lohnen" - hatte er zu wenig geleistet? "Mut zum Risiko" - war er zu feige gewesen? "Alles kommt auf die richtigen Berater an" - hatte er die falschen Berater? " Alles ist eine Frage des Standortes" - war er zu naiv gewesen bei der Wahl des Standortes? " Man braucht das richtige know -how" - hatte er das falsche? "Erfolg entsteht durch Wissen und Können" - wusste er zu wenig, konnte er nichts? Innerhalb eines Jahres waren er und seine Familie zu Sozialhilfeempfängern geworden. Es war ihnen nichts geblieben. Schulden. Sie wohnten in einer Sozialwohnung. 3 Zimmer, Dusche, in einer Wohnsiedlung ohne Grün, mit anonymen Hochhäusern, in einem Haus, das alle Spuren von Lieblosigkeit und Verfall trug, Risse in den Wänden, eine Heizung, die im März abgestellt und erst im Oktober wieder angestellt wurde. Bekleidungsgutscheine, Hilfen zum Lebensunterhalt. 5 Jahre lebten sie so. Hans wurde krank. Er sprach nicht mehr. Aß nicht mehr. Erschrak bei jedem lauten Geräusch. Die beiden Mädchen, 13 und 15 Jahre alt, versuchten immer noch ihm Mut zu machen. 3 Jahre lang hatte Hans versucht Arbeit zu finden. Er war jetzt 51 und nicht mehr auf dem neuesten Stand, weil er sich nicht mehr fortbilden konnte. Er hatte keine Zeugnisse, weil er selbständig war. "Zu grosse Brötchen gebacken", " Sich einen faulen Lenz gemacht", " Zu gut gelebt", " Zur Selbständigkeit gehört eben etwas mehr Innovation und Überlegung", " Solche Leute wie Sie, die glauben sie könnten mehr wie die anderen, gibt’s genug solche - Sie können sich doch nicht mehr einfügen in ihrem Alter" ,"Schämen Sie sich nicht von Sozialhilfe zu leben, ich würde alles tun, damit mir das nicht passiert" waren noch die mildesten Einwürfe, die er sich von Personalchefs anhören musste. Die Anzüge wurden langsam altmodisch, die Bewerbungsmappen konnte er sich nicht mehr leisten. Seine Frau weinte nur noch, sie hatte jeden Lebensmut verloren. Seitdem er nicht mehr sprach, war alles noch schlimmer geworden. Er saß nachts am Fenster, schaute in die Dunkelheit und war völlig leer. Keine Gedanken mehr, keine Gefühle, keine Wünsche, keine Träume. Er war verschwunden. Hatte keine Gegenwart und keine Zukunft mehr. Sie war gesichtslos, gestaltlos. Er war Sozialhilfeempfänger. Er wusch sich nicht mehr, seine Haare wurden weiß, aß nicht mehr, seine Fingernägel wuchsen. Er traute sich nicht mehr auf die Straße. Die Sozialarbeiterin vom Amt sagte "Ein tragischer Fall, kein Glück gehabt." Schicksal. Plötzlich war alles einzeln. Sein tragisches Schicksal, sein tragisches Leben, sein Unglück. Er wurde bedauert. "Er war so ein Crack in seinem Fach, dynamisch, hat was aufgebaut..." Er hatte kein Leben mehr, es war verschwunden. Seine Frau ging mit den Töchtern. Nicht weil sie ihn nicht mehr liebte - einfach weil sie nicht mehr konnte. Nachdem er drei Monate nicht mehr aus dem Haus gegangen war, wurde er halbverhungert in die Psychiatrie gebracht. Er hatte nur noch Wasser getrunken und Knäckebrot gegessen. 1 Jahr Tabletten und Gespräche, Arbeitstherapie. Entlassen in eine Wohngemeinschaft. Er hielt es da nicht aus, musste laufen, gehen, konnte die Nähe von Menschen nicht aushalten, konnte nicht an einem Ort bleiben. Er ging auf die Straße. Dort fühlte er sich richtig. Dort habe ich Hans getroffen. Am Visitenkartenautomaten am Hauptbahnhof. Fragen Sie Hans, wer schuld ist an allem. Er wird Sie entlasten und sagen "Ich selbst - hätte alles richtig machen müssen, dann wäre das nicht passiert. Hätte mich anpassen müssen, mehr Leistung bringen, weil Leistung ist Erfolg." Lille
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